Aktuelle Labordiagnostik
Mycophenolsäure - ein hochwirksames Immunsuppressivum
Oktober 1999
Klinische Relevanz
Mycophenolat-Mofetil (MMF) wird von der Fa. Roche unter dem Namen CellCept©vertrieben und wird heute in der Transplantationsmedizin zunehmend angewendet. In mehreren Studien wird ein deutlicher Rückgang (ca. 50 %) akuter Abstoßungsreaktionen bei nierentransplantierten Patienten unter Verwendung von MMF anstelle von Azathioprin in Kombination mit Cyclosporin A und Prednison beschrieben. Darüber hinaus konnte bei MMF-Gabe (statt Azathioprin bzw. Placebo) die Dosis der eingesetzten Steroide, des Cyclosporins und ggf. der Antilymphozyten-Präparate drastisch gesenkt werden (um 50 - 75 %) und damit auch die typischen Nebenwirkungen dieser Medikamente verringert werden.
Biochemie
MMF ist der 2-Morpholinoethylester der Mycophenolsäure (MPS). MPS ist ein hochwirksamer, selektiver, nichtkompetitiver und reversibler Hemmer der induzierbaren Typ II Inosinmonophosphat-Dehydrogenase (IMPDH), der den de-novo-Weg der Guanosin-Nucleotidsynthese hemmt, ohne in die DNA eingebaut zu werden. Da für die Proliferation von T- und B-Lymphozyten die de-novo-Synthese von Purinen unerläßlich ist, wirkt MPS stärker zytostatisch auf Lymphozyten, als auf andere Zellen. MPS hemmt nicht die konstitutionelle IMPDH-Typ I-Aktivität und den Salvage Pathway in anderen regenerativen Geweben.
Pharmakokinetik / Pharmakodynamik
Nach oraler Gabe wird MMF im Körper schnell und vollständig in MPS, den aktiven Metaboliten umgewandelt. Durch Glucuronyltransferase wird MPS seinerseits in das MPS-Glucuronid überführt, welches jedoch keinerlei pharmakologische Wirkung besitzt.
Das Konzentrationsprofil von MPS wird charakterisiert durch einen scharfen Initialpeak, der ca. 30 - 60 Minuten nach Verabreichung von MMF auftritt. Aufgrund des enterohepatischen Kreislaufes beobachtet man im allgemeinen nach 6 - 12 Std. noch einen geringen sekundären Anstieg. Die durchschnittliche Bioverfügbarkeit von MMF von 95 % ist unabhängig von der Darreichungsform und -technik. In Gegenwart von Nahrung bleibt die Plasma-AUC<small>MPS</small> konstant, während die Maximalkonzentration um ca. 40 % reduziert wird.
Es ist eine große inter-individuelle Variabilität beim Einsatz von MMF zu beobachten. Der individuelle Dosierungsbedarf hängt vor allem auch von der Nierenfunktionsfähigkeit und der Co-Medikation (besonders mit anderen Immunsuppressiva) ab. Aus diesen Gründen ist eine individuelle Patienteneinstellung, d.h.ein MPS-Monitoring empfehlenswert.
Drugmonitoring
Die sicherste Aussage zur wirksamen Plasmakonzentration von MPS erhält man durch die Berechnung der Fläche unter der Kurve (AUC) von MPS. Alternativ kann auch der Talspiegel von MPS bestimmt werden. Damit dieser jedoch eine reale Aussagekraft besitzt, sollte von jedem Patienten wenigstens einmal eine AUC erstellt werden.
Zeitpunkte der Probenahme für eine AUC bei täglich zweimaliger Gabe (oral oder i.v.)
nach 0 Std (= 12 Std. nach der letzten Gabe), 45 Min., 1 Std., 1,5 Std., 2 Std., 4 Std., 6 Std., 9 Std. oder wenigstens Kurz-AUC
(4 Meßpunkte: beispielsweise nach 0 Std. (= 12 Std. nach der letzten Gabe), 45 Min., 2 - 3 Std. , 8 Std.)
Normalwerte
Anhand von Studienergebnissen sollten die MPS-Talspiegelkonzentrationen bei Herztransplantierten bei 3,5 ± 1,0 mg/l liegen, bei Nierentransplantierten etwas niedriger. Für die MPS-AUC werden in der Literatur Werte von 40 - 60 <small>mgxh</small>/<small>l</small> fürden Zeitraum von 0 - 12 Std. nach Applikation angegeben.
Material:
mindestens 1 ml EDTA-Plasma pro Meßpunkt
(Material kühl halten, Analyse mittels HPLC)